sprache

Ernst von Glasersfeld, 1986

„Eine Muttersprache haben heißt
stillschweigend annehmen,
daß die Art und Weise,
in der diese Sprache die Erlebenswelt aufteilt, ordnet und beschreibt,
selbstverständlich der wirklichen Wirklichkeit entspricht.
Je tiefer ein Denker in seiner
Muttersprache verankert ist,
um so schwerer is es für ihn,
die Möglichkeit in Betracht zu ziehen,
daß andere die Welt auf andere Weise
sehen, kategorisieren, und somit erkennen könnten.

Ist man hingegen zwischen mehreren Sprachen aufgewachsen,
hat in jeder von ihnen gelebt,
dann hat man sich daran gewöhnt,
von der einen Begriffswelt
in die andere umzuschalten,
so wie man etwa seine Schritte den Umständen angepaßt,
je nachdem ob man eben
auf Asphalt, Sand oder Schnee geht.

Kommt man dann dazu,
über die Mehrzahl dieser Erlebniswelten nachzudenken,
dann kann man nicht umhin festzustellen,
daß keine von ihnen eine Begriffsstruktur haben kann,
die privilegierten Zugang zu jener unabhängigen
optische Wirklichkeit hätte,
von der die Philosophen seit jeher träumen.“