Glück .. bei Boëthius

„So ist nichts elend, als was du dafür hältst und andererseits ist jedes Schicksal glücklich, das mit Gleichmut ertragen wird.
Wer ist jener so sehr Glückliche, der, wenn er der Ungeduld die Hände hingestreckt hat, seine Lage nicht zu ändern wünscht?
Mit wieviel Bitternis ist die Süße menschlichen Glücks benetzt!
Dieses mag dem wohl angenehm vorkommen, der sich an ihm gütlich tut; doch kann es nicht daran gehindert werden, nach seinem Belieben zu entschwinden. Daraus erhellt also, wie kümmerlich eine aus irdischen Dingen herrührende Glückseligkeit ist, die bei den Gleichmütigen nicht dauernd ausharrt und die die Furchtsamen nicht vollkommen erfreut.
Warum also, ihr Sterblichen, sucht ihr das Glück, das in euch liegt, außerhalb? Irrtum und Unkenntnis verblenden euch.

Ich will dir kurz den Hauptrunde der höchsten Glückseligkeit aufzeigen.
Ist irgend etwas dir wertvoller als du selbst? Nichts wirst du sagen. Wärest du also deiner deiner selbst mächtig, so würdest du etwas besitzen, was weder von dir verloren noch vom Schicksal geraubt werden könnte. Und um zu erkennen, daß auf solchen Zufallsdingen das Glück nicht beruhen kann, mußt du so folgern: Wenn die Glückseligkeit das höchste Gut eines vernunftgemäß lebenden Wesens ist, wenn dasjenige nicht ein höchstes Gut sein kann (weil ja das den Vorrang hat, was nicht geraubt werden kann), so ergibt sich klärlich, daß die Unstäte
des Schicksals für die Erlangung der Glückseligkeit nicht förderlich zu sein vermag.“